Nationales Diesel Forum – Das ist ja wohl der Gipfel!

Autobauer gewinnen inszeniertes Krisentreffen
Können sich freuen: Matthias Müller (VW), Dieter Zetsche (Daimler) und Harald Krüger (BMW) kommen beim Krisentreffen äußerst glimpflich davon.
Können sich freuen: Matthias Müller (VW), Dieter Zetsche (Daimler) und Harald Krüger (BMW) kommen beim Krisentreffen äußerst glimpflich davon.
frederick
Einleitung von Fredereick Petkovski, Redakteur bei PKW.de 07.08.2017

Schon vor dem gemeinsamen Treffen zwischen Vertretern der deutschen Autobauer und der Bundesregierung war die Erwartungshaltung enorm. Schnell etablierte sich die Formulierung „Diesel-Gipfel“ für das Spitzentreffen, das von Medien und Politikern geradezu wie ein lang erwarteter Boxkampf angepriesen wurde, bei dem den Industriellen endlich ordentlich die Leviten gelesen werden sollte, zu schwer wiegten doch Anschuldigungen und Beweislast. Jetzt ist klar, dass der „Mega-Fight“ eher ein gemütliches Kaffeekränzchen war und das Publikum auf ganzer Linie enttäuschte. Am Ende gewinnen die Hersteller sogar einstimmig nach Punkten.

Politik versagt als Kontrollorgan – Verbraucher müssen weiterhin Diesel-Verbote fürchten

Insgesamt 5,3 Millionen Dieselfahrzeuge sollen ein Softwareupdate bekommen. Zunächst erscheint diese Maßnahme recht umfassend, doch die Hintergrundfakten sprechen eine andere Sprache. Zum einen sind die knapp 2,5 Millionen VW-Fahrzeuge des letzten „Dieselgates“ hier ohnehin bereits enthalten, zum anderen betrifft das Softwareupdate auch nur Fahrzeuge mit Euro-5- oder 6-Norm. Besitzer etwas älterer Modelle haben hier das Nachsehen und müssen zukünftig etwaige Verbotszonen in den Innenstädten fürchten, die Bundesjustizminister Maas (SPD) auch nach dem Krisentreffen nicht ausschließen will und auch weitere Maßnahmen zur Umweltentlastung fordert. Der SPD-Politiker sieht nun eine Bewährungszeit für die Autoindustrie anbrechen.

Darf’s ein neues Auto sein? Umstiegsprämie statt Umrüstung

Doch die Software-Maßnahme ist völlig unzureichend: Das Problem der hohen Stickoxidbelastung in Städten mit hohem Verkehrsaufkommen wird sich in Zukunft durch die Update-Vereinbarung nicht ausreichend lösen lassen. Auch Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) gab zu, geltende Grenzwerte in Zukunft nicht einhalten zu können. Zur Einhaltung der gerichtlich festgelegten Grenznormen wäre stattdessen eine ernsthafte Hardware-Modifizierung der betroffenen Diesel-Aggregate unabdingbar, die, auch wenn es die Konzerne nicht so recht zugeben wollen, technisch durchaus möglich ist.

Großer Nachteil wäre dann jedoch der Preis, da bei jedem Fahrzeug mit rund 1.500 Euro zu rechnen wäre und man zusammen so locker auf einen zweistelligen Milliardenbetrag käme. Für VW und Co. einfach zu teuer – das Softwareupdate ist dagegen schnell erledigt und schlägt geschätzt nur mit rund 50 Euro zu Buche. Die Besitzer etwas älterer Diesel-Modelle sollen dagegen als Kompromiss auf neue Modelle einen zusätzlichen Rabatt erhalten – ein cleveres Programm zur Verkaufsankurbelung. VW-Chef Müller argumentiert unter Zustimmung der anderen Konzernchefs, sich in Zukunft priorisiert auf die Entwicklung neuer Modelle konzentrieren zu wollen, anstatt die alten Aggregate intensiv zu verbessern.

Bleiben so dreckig wie bisher: Ältere Diesel-Modelle sind von der Umrüstaktion ausgenommen
Bleiben so dreckig wie bisher: Ältere Diesel-Modelle sind von der Umrüstaktion ausgenommen

„Freiwillige Serviceaktion“ statt gesetzlich angeordneter Umrüstung

Die Sache hat noch einen weiteren Haken: Die Update-Aktion ist eine freiwillige Serviceleistung der Konzerne und keine angeordnete Rückrufaktion, wie vor kurzem noch beim Porsche Cayenne Diesel. Somit sind Verbraucher auch nicht offiziell verpflichtet, das Update tatsächlich durchzuführen, für das ohnehin nicht wirklich viel spricht. Hatten Hersteller das Ausschalten ihrer Abgasreinigungseinrichtungen im Zusammenhang mit dem „Dieselgate“ immer mit dem Argument Motorschutz gerechtfertigt, lassen fehlende Langzeitstudien die Verbraucher nun im Unklaren, welche Auswirkungen die Software tatsächlich auf den Motor haben wird. Die Produzenten entgegnen halbherzig, dass Leistung, Lebensdauer und Verbrauch des Motors nicht beeinträchtigt werden. Doch das Vertrauen der Kundschaft ist längst aufgebraucht und auch Experten bezweifeln stark, dass der Verbraucher keine negativen Auswirkungen zu erwarten hat. Für den getroffenen Lösungsansatz bleibt kurz gesagt nur ein Prädikat: Sechs, setzen!

Als wäre nichts gewesen

Beim „Diesel-Gipfel“ bot sich der Politik die Möglichkeit, endlich durchzugreifen und unter dem großen medialen Interesse ein deutliches Zeichen zu setzen. Stattdessen ließen sich Dobrindt und Co. bereitwillig zu einer „Farcelösung“ breitschlagen – will man doch auf den liquiden Industriezweig als fleißige Parteispender im Wahljahr nicht verzichten. Indes scheint durch den unbefriedigenden Ausgang der weitere Niedergang des klassischen Diesels so gut wie unvermeidlich geworden. Während die Verkaufszahlen immer weiter zurückgehen, stehen BMW, Mercedes und VW jedoch schon mit neuen Motorengenerationen parat, die die Euro-6-Normwerte locker unterbieten. Nach dem Motto: Neue Modelle ersetzen alte Fehler.

Falls Sie von klassischen Verbrennern nun die Nase gestrichen voll haben sollten: Auf fahrenmitstrom.de finden Sie alle Infos rund um das elektrische Fahren. PKW.de hält Sie in Sachen Diesel-Affäre und Kartellverdacht natürlich weiterhin auf dem neuesten Stand.

(Bildmaterial: BMVI, ©Volkswagen AG)


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