Elektrische Fensterheber: Guillotine im Auto?

Eine fehlende Stopp-Funktion macht elektrische Fensterheber zur Gefahrenquelle
Ohne Stopp-Funktion wird es eng für Kinderfinger.
Die Kraft eines ungebremsten Elektromotors kann bis zu 30 kg betragen – mehr als genug für schwere Verletzungen.
christian
Einleitung von Christian Schmid, Redakteur bei PKW.de 12.08.2015

Köln, 12.08.2015 – Im Sommer freuen sich nicht nur Cabrio-Fahrer über ein wenig heiße Luft: Die Fahrt mit heruntergelassenen Fenstern ist angenehm und bringt frischen Wind in die Karosse. Dass heutzutage praktisch jeder Wagen mit einem elektrischen Fensterheber ausgerüstet wird, ist inzwischen selbstverständlich. Eine Gefahr, derer sich die meisten Fahrer gar nicht bewusst sind, sind jedoch Fensterheber ohne automatische Stopp-Funktion, wie der ADAC nun berichtet. Insbesondere wenn kleine Kinderhände in den Weg der zuschnappenden Scheibe geraten, sind oft schwere Verletzungen bis hin zum Verlust einzelner Finger die Folge.

Kinder, die unbeaufsichtigt im Fahrzeug spielen, können leicht an den Schalter geraten und werden schnell von der sich unaufhaltsam schließenden Glasscheibe eingeklemmt – bis die Kraft zu groß wird und das Hindernis durchtrennt wird. Um die wahre Gefahr etwas anschaulicher zu gestalten, prüfte der ADAC die Schließkraft der Fenster in einer Sonderaktion nicht nur mit den dafür zuständigen Testgeräten, sondern mit der Hilfe diverser Gemüsesorten. Das Ergebnis erschreckt: Gurken und frische Möhren stellen für die Kraft des Elektromotors absolut kein Hindernis dar. Sogar ein unterarmdicker Rettich wird von der Glasscheibe wie ein Stück Butter in zwei Hälften zerteilt, wie dieses vom ADAC bereitgestellte Video zeigt:

 

 

Besonders gefährlich werden die elektrisch betriebenen Fensterheber, wenn sie zwar keine Stopp-Funktion, dafür aber eine Antippautomatik enthalten, sodass die Scheibe sich bei einmaliger Betätigung automatisch schließt.

Die Guillotine im eigenen Fahrzeug

Die Gefährlichkeit der ganzen Situation erklärt sich recht einfach durch grundlegende Physik: Eine handelsübliche, 8 mm dicke Seitenscheibe wird mit einer Kraft von bis zu 30 kg von einem Elektromotor emporgepresst. Da die enorme Kraft des Motors auf eine so kleine Fläche kommt, wirkt die Scheibe wie eine Guillotine. Vor allem Kleinkinder haben nicht den Hauch einer Chance, wenn sich die Scheibe mit knappen 300 Newton schließt – die einzige Hoffnung besteht dann in einer schnellen Notoperation, um zu retten, was noch retten ist.

Der Anteil aktueller Fahrzeuge ab dem Jahr 2008, die keine Stopp-Funktion aufweisen, beträgt ca. 20 %. Als Grund für das Fehlen der lebensrettenden Automatik werden nicht etwa konstruktionstechnische Gründe angegeben, sondern schlicht und ergreifend die geringeren Kosten. Fensterheber mit einer Antippautomatik müssen zwar seit 2003 laut Gesetz eine derartige Sicherung vorweisen; Käufer älterer Gebrauchtfahrzeuge sollten jedoch unbedingt den Test machen: Einfach mal einen Tennisball zwischen die Scheibe und den Fensterrahmen klemmen. Stoppt die Scheibe beim Kontakt mit dem Ball oder fährt sie im Idealfall sogar ein wenig zurück, ist die Sicherheitsfunktion mit an Bord.

Auch hier sollte allerdings Vorsicht gelten, denn wenn sich die Kleinen beim Spielen die Hand einklemmen und in ihrer Panik ein weiteres Mal auf den Knopf zum Schließen der Scheibe drücken, reagiert der Fensterheber unter Umständen prompt, löst die Sperre und steigert die angewendete Kraft. Der Grund: Autofenster müssen sich auch dann öffnen lassen, wenn z. B. Frost die Scheibe blockiert. Was das für zarte Kinderfinger bedeutet, sollte inzwischen klar sein. Endgültige Abhilfe schafft nur ein ernstes Gespräch mit den kleinen Fahrgästen und ein Blockierschalter für die hinteren Fensterheber. Dann nämlich lassen sich die Scheiben nur noch von den vorderen Rängen aus bedienen.

(Bildmaterial: ©iStock.com/Pnikof; Videomaterial: ADAC)

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