Kei Cars – kleine Autos ganz groß

Autokultur in Fernost macht das Auto immer kleiner.
Enge Straßen ohne Gehwege machen kleine Autos zu einer Notwendigkeit.
So eng sind die Straßen in Japanischen Großstädten. Große Autos würden hier einfach stecken bleiben. yousang / Shutterstock.com
jonas
Einleitung von Jonas Futschik, Redakteur bei PKW.de 16.05.2017

Jeder Mann hat den Satz schon einmal gehört: Auf die Größe kommt es doch gar nicht an, man muss nur wissen, was man damit macht. Kaum jemand weiß das besser als die Japaner. Immer mit der Ruhe, das Thema ist weit weniger pikant, als es den Anschein hat: Es geht natürlich um Autos. Denn wo sich hierzulande täglich Audilawinen durch die Innenstädte wälzen, wissen die Kollegen aus Fernost schon längst: Um voranzukommen, braucht man keine deutschen oder amerikanischen Schlachtschiffe, es tun auch Minicars, die in Japan Kei Cars genannt werden.

Kei Cars gegen deutsche Dickschiffe

In Deutschland lässt man die Außenwelt gerne an seinem Erfolg teilhaben. Nichts sagt so deutlich: „Ich stehe im Leben über dir“, wie eine überdimensionierte Luxuslimousine, deren Leasingraten man nur ganz knapp nicht bezahlen kann. Man stelle sich vor, der anzugtragende Verwaltungsangestellte säße in einem Schuhkarton von gerade einmal 3 Metern Länge. Er würde sich sicher nicht mehr ganz so wohl fühlen. Die maximal 64 PS aus 3 Zylindern sind auch nicht mit den bulligen V8-Motoren zu vergleichen, die Herr Schmidt aus der Buchhaltung dringend zu brauchen scheint, um die 10 Kilometer nach Hause zu fahren. Und dann wäre da noch der Preis. Während besagter Herr Schmidt für seinen Audi noch in 10 Jahren hohe Raten bezahlen wird, kostete das Kei Car von Herrn Miyamoto unter 1,2 Millionen Yen, also knapp 9000 Euro.

Ganze Autos, ganz klein

Auch in Deutschland ist das Konzept des Miniautos nicht unbekannt. Hierzulande firmieren die Fahrzeuge häufig unter der Bezeichnung „Mopedauto“. Die Fahrzeuge sind nicht viel mehr als ein Rasenmäher mit Türen. Nicht nur sind sie unkomfortabel, laut und langsam, sie stellen im Straßenverkehr für den Fahrer auch eine echte Todesfalle da. Kei Cars haben mit solchen, nennen wir sie mal „Autos“, wenig zu tun: Die meisten kommen serienmäßig mit GPS, DVD-Player, Traktionskontrolle und vielen anderen Extras, die selbst in Herrn Schmidts Audi fehlen. Vollwertige Autos mit 4 Sitzen also, die ihren größeren Artgenossen in nichts nachstehen. Fast. Denn mit der geringen Größe der Fahrzeuge gehen auch einige Probleme einher. Der kurze Radstand macht Fahrten mit mehr als 100 km/h zu einem Unterfangen für hartgesottene und die hochtourigen Motoren werden bei Autobahngeschwindigkeiten sehr laut. Die meisten deutschen Kunden würden bei diesen Aussichten rückwärts das Autohaus verlassen, um mit 180 km/h die A7 aufzureißen, bis die bösen Gedanken verschwunden sind.

Der Suzuki Lapin wird in Japan ganz offen als Frauenauto beworben. hadkhanong / <a href='http://www.shutterstock.com'>Shutterstock.com</a>
Der Suzuki Lapin wird in Japan ganz offen als Frauenauto beworben. hadkhanong / Shutterstock.com

Autos einer besonderen Zeit.

Für unsere Gewohnheiten sind die Kei Cars also nichts. Warum aber machen sie in Japan mittlerweile fast die Hälfte aller Neuzulassungen aus? Wie immer sind die Gründe vielfältig und kompliziert. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die japanische Autoindustrie am Ende. Die Menschen konnten sich keine Autos leisten, das Motorrad wurde zum Transportmittel der Massen. Um die kränkliche Industrie anzukurbeln, wurden Gesetze erlassen, die Autos unter einer bestimmten Größe signifikant geringer besteuerten. Die Miniautos verkauften sich so gut, dass sie, ähnlich wie der VW Käfer in Deutschland, zu einem Symbol des Aufbruchs und des Wiederaufbaus wurden.

Aber auch heute haben die Kei Cars noch einen festen Platz in der japanischen Gesellschaft. Das Inselreich im Fernen Osten ist eine der am dichtesten bevölkerten Gegenden der Erde. Es gibt in den Städten ganz einfach nicht genug Platz für viele Autos. Darum müssen Japaner, wenn sie ein Auto anmelden wollen, einen sogenannten Parkplatznachweis erbringen, der beweist, dass der Fahrzeughalter auch einen Platz für sein Auto hat. Bei den Kei Cars entfällt diese Anforderung. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Miniautos 40 cm kürzer ausfallen als ein VW Lupo.

Von Tokyos Straßen ins Hinterland: Auch den beliebten Pajero gibt es in der Kei Car-Version. Suvorov Alex / <a href='http://www.shutterstock.com'>Shutterstock.com</a>
Von Tokyos Straßen ins Hinterland: Auch den beliebten Pajero gibt es in der Kei Car-Version. Suvorov Alex / Shutterstock.com

Kei Cars in Zukunft auch in Europa?

Kei Cars sind also ein Produkt eines sehr speziellen Volkes in einer sehr speziellen Zeit. Europäische Autokultur funktioniert etwas anders, aber angesichts immer schlimmer werdender Staus in den Innenstädten kommt man nicht umhin sich zu fragen, ob sich Herr Schmidt und sein Audi nicht eine Scheibe vom japanischen Autopragmatismus abschneiden könnten.

(Bildmaterial: ©Shutterstock)


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