Künstliche Motorengeräusche: Der Klingelton fürs Elektroauto

Elektroautos dürfen sich bald nicht mehr anschleichen
Das Elektroauto soll bald mehr Geräusche machen.
Klassische Musik oder doch lieber aktuelle Schlager? Das Elektroauto darf nicht mehr lange stumm bleiben. Mr. Master / Shutterstock
jonas
Einleitung von Jonas Futschik, Redakteur bei PKW.de 04.04.2018

Es kommt einem vor, als wäre es letztes Jahr gewesen: Jamba-Klingeltöne waren in aller Ohren, nackte Frösche mit starken Drogenproblemen stürmten die Charts und Eltern verzweifelten an den exorbitanten Mobilfunkrechnungen der missratenen Sprösslinge. Zum Glück ist das vorbei. Aber der nächste Anschlag auf den auditorischen Kortex steht bereits in den Startlöchern: Das Elektroauto rollt fast komplett geräuschlos über den Asphalt. Eigentlich ja eine schöne Sache. Man könnte auch an den Hauptstraßen wieder die Vögel singen hören und das Klingeln in den Ohren vieler Großstadtbewohner würde leiser. Wäre da nicht ein Problem: Das Handy. Mit dem Kopf auf das Display gerichtet, bleibt für den Straßenverkehr nur noch das Gehör übrig. Seit sich Autos aber anschleichen können, kommt es immer wieder zu Verkehrsunfällen mit unaufmerksamen Fußgängern.

Künstliche Motorengeräusche ab 2019

In einem Anflug von Fortschrittlichkeit haben die Behörden ein Gesetz geschaffen, laut dem ab 2019 jedes Elektroauto genug künstliche Motorengeräusche emittieren muss, um von einem blinden Fußgänger frühzeitig bemerkt zu werden. Aus dem Segen, den die fast lautlosen Autos mit sich bringen, könnte also demnächst ein Fluch werden. Was die Autohersteller Ihnen nicht sagen: Wer ein modernes Auto fährt, der kennt künstliche Motorengeräusche vermutlich schon: Viele Autohersteller pumpen den Sound von größeren Motoren in die Fahrerkabine, damit auch der kleine Mann sich ein wenig wie ein Rennfahrer fühlen kann. Sie dachten wirklich, dass Ihr VW Beetle klingt wie ein BMW M3? Also bitte!

Wie soll das Auto heute klingen?

Mit dem Auftauchen der Elektroautos ergibt sich allerdings ein neues Problem: Anwohner wollen die Geräusche am liebsten gar nicht hören, der Fahrer will markige Motorensounds und Fußgänger wollen in erster Linie sicher die Straße überqueren. Die Lösung wären künstliche Geräusche, die das Auto bei der Fahrt über Lautsprecher in die Umgebung pumpen könnte. Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie steigen in Ihren nagelneuen Tesla. Beim leichten Druck auf das Gaspedal erklingt Hufgeklapper, das mit steigender Geschwindigkeit von einem leichten Trab zu vollem Galopp wird. Sobald Sie stehen, erklingt ein leises Wiehern. Morgen wollen Sie, dass Ihr Auto wie ein TIE-Fighter aus den Star Wars-Filmen klingt? Kein Problem, bei einem von ungefähr sechs Millionen Anbietern laden Sie für ein Taschengeld einen neuen „Klingelton“ herunter.

Künstliche Motorengeräusche sind eine Wissenschaft für sich.

Wir hoffen, dass diese Idee niemals Realität wird. Es würde wohl eine goldene Zeit für Psychotherapeuten und Ohrenärzte anbrechen. Außerdem wissen die klugen Menschen in den Entwicklungsabteilungen von Geely, VW und Co. natürlich viel besser, was gut für ihre Kunden ist. Darum wird in den entsprechenden Labors seit einiger Zeit nach dem perfekten „Motorengeräusch“ gefahndet. Das ist gar nicht so leicht, denn die Regulierung sieht nicht nur vor, dass sich das Fahrzeug ankündigen muss, am Geräusch soll auch der aktuelle Fahrzustand erkennbar sein. Beim Beschleunigen soll der Ton höher, beim Bremsen tiefer werden. Bestenfalls soll man auch die Fahrzeugklasse ausmachen und so einen Kleinwagen von einem Lkw unterscheiden können. Menschen, die in der Nähe von Autobahnen wohnen, können aber beruhigt aufatmen: Die künstlichen Motorengeräusche sollen nur bis maximal 20 km/h vorgeschrieben sein.


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