Der Rückspiegel hat ausgedient

Continental arbeitet mit Hochdruck an digitaler Rückspiegel-Technik
Prototyp von Continental mit zusätzlichen Displays.
Continental hat schon Entwicklungsprototypen im Einsatz.
mario
Einleitung von Mario Hommen, Redakteur bei PKW.de 15.07.2015

Köln, 15.07.2015 – Was bei dem in Kleinserie gebauten VW XL1 dank einer Ausnahmegenehmigung bereits möglich ist, soll schon bald allgemeiner Serienstandard werden können: der Einsatz von Kameras statt klassischer Rückspiegel. Unter anderem arbeitet Zulieferer Continental mit Hochdruck an dieser Lösung, die bereits 2016 ihre allgemeine Zulassung und 2018 dann den Serieneinsatz erleben könnte. Continental verspricht viele Vorteile dieser Technik.

Die Idee ist nicht neu und schon vor Jahrzehnten in so manchem Konzeptauto gezeigt worden: Um sich ein Bild von der Verkehrssituation hinterm Fahrzeug zu verschaffen, blickt man auf Displays, die Bilder von rückwärtsgerichteten, kleinen Kameras zeigen. Vor allem bei Designstudien erlaubte diese Lösung einen perfekten Fahrzeugkörper, der nicht durch mächtige und eben hässliche Ausleger verhunzt wird.

Autoindustrie sucht nach Einsparpotenzialen

Das derzeit hohe Interesse an einer Entwicklung zur Serienreife dieser Kameratechnik ist bei der Autoindustrie allerdings nicht so sehr designgetrieben wie noch bei so mancher Studie. Ohne Außenspiegel lassen sich vielmehr deutlich bessere Ergebnisse beim Luftwiderstand und damit bei den Verbrauchswerten erzielen. Der Druck durch die CO₂-Vorgaben verschiedener Regierungen lastet stark auf den Autoherstellern, weshalb diese um jeden Zehntelliter kämpfen. Die Aerodynamik bietet hier ein gewisses Einsparpotenzial.

Der VW XL1 ist unter anderem dank der nicht vorhandenen Außenspiegel besonders aerodynamisch.
Der VW XL1 ist unter anderem dank der nicht vorhandenen Außenspiegel besonders aerodynamisch.

Continental verspricht allerdings noch eine Reihe weiterer Vorteile: So nimmt ohne Außenspiegel die Fahrzeugbreite ab, die Gefahr abgebrochener Spiegel gibt es nicht mehr und die Windgeräusche verringern sich außerdem. Darüber hinaus soll die Technik noch ein paar Vorteile bei der Sicht bieten: Digitale Rückspiegel blenden nicht mehr, sollen weniger schmutzempfindlich sein und erlauben ein besseres Abbild bei Dämmerung und Nässe. Der Sichtbereich lässt sich dank der Kameratechnik zudem vergrößern und damit auch das Problem des toten Winkels verringern. Schließlich bieten digitale Rückspiegel bessere Möglichkeiten bei der Darstellung der Verkehrssituation im Zusammenspiel mit den heute schon üblichen Assistenzsystemen.

Drei Kameras unscheinbar integriert

Continental hat bereits einige Fahrzeuge mit entsprechender Kameratechnik im Einsatz. So verfügt ein umgebauter Mercedes CLS über drei Kameras. Eine ersetzt den Innenrückspiegel und befindet sich versteckt im Spiegelfuß der GPS-Antenne. Die anderen beiden wurden dort angebracht, wo sich sonst die Halterungen für die Außenspiegel befinden. Die Linsen der Kameras haben eine schmutzabweisende Beschichtung und sollen später im Serientrimm noch über ein automatisches Reinigungssystem verfügen.

Mit diesem umgebauten Mercedes CLS erprobt Mercedes seine Technik.
Mit diesem umgebauten Mercedes CLS erprobt Mercedes seine Technik.

Im Innenraum befinden sich zudem zwei OLED-Displays, die das Rückspiegelbild darstellen. Diese sind nach Aussage von Continental unempfindlich gegenüber Lichteinstrahlung, bieten eine hohe Farbbrillanz und brauchen zudem wenig Energie. Bei der Darstellung verspricht Continental sogar eine Verbesserung der Verkehrswahrnehmung durch monokamerabasierte Objekterkennung und -klassifikation. So sollen beispielsweise bei Dämmerung und hoher Geschwindigkeit auf dem Monitor kritische Fahrzeuge, Geschwindigkeiten und Entfernungen angezeigt werden, so dass der Fahrer vereinfacht Entscheidungen über Fahrmanöver treffen können soll.

Continental verspricht Sicherheitsgewinn

Die von Continental derzeit in Erprobung befindliche Technik nutzt noch zusätzlich montierte Displays. Wie das in späteren Serienlösungen aussehen wird, ist noch ungewiss. Da in Zukunft bei vielen Modellen analoge Kombiinstrumente durch große Displays ersetzt werden, könnte hier dann auch das Bild der Rückfahrkamera eingebunden werden. Hat man dann noch ein Display, welches sich optimal im Blickfeld des Fahrers befindet, müsste man den Blick nicht mehr seitlich zu den Außenspiegeln schweifen lassen. Im Zusammenspiel mit radarbasierten Systemen wie dem aktuell schon verfügbaren Totwinkel-Warner könnte der digitale Rückspiegel sogar einen Sicherheitsgewinn bringen.

Beim VW XL1 befinden sich die Rückspiegel-Displays in den Türen. Die Technik für diesen digitalen Rückspiegel stammt übrigens von der Kappa optronics GmbH.
Beim VW XL1 befinden sich die Rückspiegel-Displays in den Türen. Die Technik für diesen digitalen Rückspiegel stammt übrigens von der Kappa optronics GmbH.

Zu den möglichen Kosten für den Autokunden macht Continental keine Angaben. Irrsinnig teuer dürfte es allerdings nicht werden, denn elektrisch einstellbare, automatisch abblendende und beheizbare Außenspiegel mit in Wagenfarbe lackierten Gehäusen sind vermutlich nicht billiger als Kameras. Wenn dann noch große Displays ohnehin zur Standardausstattung gehören, sollte man auf insgesamt ähnliche Kosten wie bei konventionellen Spiegeln kommen.

(Bildmaterial: Continental/VW)


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