Tractor Pulling – Landwirtschaft im Schleudergang

Beim Tractor Pulling geht es um Motoren und Dreck. Sonst nichts.
Tractor Pulling erzeugt for allem Rauch und Lärm
Beim Tractor Pulling gehört dieser Riese noch zu den kleineren Fahrzeugen. Keith Bell / Shutterstock.com
jonas
Einleitung von Jonas Futschik, Redakteur bei PKW.de 01.02.2017

Während auf den Feldern der Weizen wächst, die Kühe auf der Wiese grasen und an den Bäumen das Obst reift, kann es dem Landwirt schon mal langweilig werden. Die einen entscheiden sich, im Privatfernsehen zweifelhaften Ruhm zu verfolgen, andere lassen sich die Sommersonne auf den Bauch scheinen und genießen die Ruhe. Und wieder andere bauen in ihrer Garage Höllenmaschinen zusammen, die mit mehreren Tausend PS bis zu 30 Tonnen in wenigen Sekunden über eine Schlammpiste ziehen. Tractor Pulling kommt, wie könnte es anders sein, aus dem Land der laxen Umweltvorschriften und der großen Motoren.

Tractor Pulling ohne Traktor?

Schon in den alten Zeiten, als die Luft noch klar, das Benzin günstig und der Motor noch Zukunftsmusik war, schlugen Landwirte die Langeweile beim Horse Pulling, um zu sehen, wessen Ackergaul die größte Zugkraft besaß! Seit der Mechanisierung der Landwirtschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts dürfen die Vierbeiner wieder ein entspannteres Leben führen, denn das kompetitive Ziehen von Gegenständen wird seitdem von Motoren übernommen. Zunächst traten noch immer zwei Traktoren in einer Art Tauziehen an, um zu sehen, welche Maschine die stärkere war. Später begann man, mit Felsbrocken zu experimentieren, bis das Bedürfnis nach vergleichbaren Werten größer wurde. Heute werden sogenannte Zugschlitten gezogen, die mit einem Gewicht von bis zu 30 Tonnen den Zugwiderstand mit jedem gefahrenem Meter erhöht.

Drei, vier oder fünf Motoren?

Die goldene Regel des Motorsports lautet: Mehr ist immer besser. Das gilt auch für das Tractor Pulling: Einen echten landwirtschaftlichen Nutzen haben die großen Traktoren schon längst nicht mehr. Von Flugzeugmotoren aus dem Zweiten Weltkrieg bis zu Hubschrauberturbinen werden die Fahrzeuge mit allem beladen, was Lärm macht. Das Ergebnis sind monströse Kreationen, die mit bis zu 10 000 PS den Zugschlitten durch den Dreck bewegen. Man stelle sich vor, was passieren würde, wenn ein solches Gefährt auf einem echten Feld zum Einsatz käme: In wenigen Sekunden wäre ein Feld gepflügt, das Erdreich großzügig auf die umliegenden Dörfer verteilt und die Tierwelt der Umgebung für immer traumatisiert.

Tractor Pulling in Europa

In Europa heißt die Sportart Trecker Treck. Die erste europäische Trecker Treck-Veranstaltung fand in den Siebzigerjahren in Holland im Rahmen der Weltmeisterschaft im Pflügen statt (ja, so etwas gibt es wirklich). Das Regelwerk teilt die Fahrzeuge in mehrere Klassen ein: von kleinen fahrbaren Rasenmähern, die auch von Kindern gefahren werden dürfen, bis zur freien Klasse, in der eigentlich alles erlaubt ist. Der Kreativität des Konstrukteurs sind dabei kaum Grenzen gesetzt.

Tractor Pulling – Zuschauersport

Tractor Pulling gehört naturgemäß nicht unbedingt zu den filigransten Sportarten, auch wenn die Bändigung der Maschinen ein erstaunliches Maß an Fingerspitzengefühl erfordert. Trotzdem steigt der Beliebtheitsgrad des Trecker Treck auch in Europa immer weiter. Die Rebellion gegen Umweltvorschriften, gepaart mit Motorengeheul und sicherlich dem ein oder anderen Kaltgetränk, zieht eine ganz besondere Klientel an, die sich abseits jeder Vernunft einfach gut unterhalten lassen will. Und weil die Maschinen häufig von Laien zusammengeschraubt werden, bekommt man auf den Zuschauerrängen auch immer wieder spektakuläre Explosionen und Motorbrände zu sehen. Trotz des hochentzündlichen Methanolgemisches in den Tanks vieler Traktoren passieren äußerst selten Unfälle, die sich nicht mit einem Feuerlöscher für die Maschine und einem kühlen Bier für den Fahrer vergessen machen lassen. Und so ziehen sie weiter, die wilden Bauern und Motorsportfans auf ihren Höllenmaschinen.

(Bildmaterial: ©Shutterstock)


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