Autofahren, neu gedacht

Eine Zukunft ohne Auto – warum eigentlich nicht?
Endlich Ruhe, dank Autofreier Straßen.
Aus Autobahnen werden Radwege, aus Park- werden Festplätze. Shutterstock.
jonas
Einleitung von Jonas Futschik, Redakteur bei PKW.de 01.12.2017

Okay, ich verstehe, warum Autofahren eine wirklich tolle Sache ist. Auf den aktuellen Automessen werden immer wieder Fahrzeuge ausgestellt, die sich an Schönheit immer wieder gegenseitig überbieten. Ein eigenes Auto ist, besonders für junge Menschen, das Ticket in die Freiheit und tatsächlich kann es Spaß machen, auf einer autofreien Landstraße herauszufinden, was man einem 20 Jahre alten Polo so alles zumuten kann. Trotzdem muss ich an dieser Stelle meiner geschätzten Kollegin Rabea Gräfe widersprechen: Eine Zukunft ohne eigene Autos klingt für mich nach einer hervorragenden Idee.

Zukunft mit dem Auto: Wir müssen umdenken.

Selbst den größten Verfechtern des Verbrennungsmotors sollte mittlerweile klar sein, dass der Hubraumwahn vergangener Tage vorbei ist, und dass sogar der Ottomotor an sich keine allzu lange Zukunft mehr haben dürfte. Zusammen mit dem Wechsel zu alternativen Antrieben sehen nicht nur Analysten, sondern mittlerweile auch erste Autohersteller, einen fundamentalen Wandel der Autoindustrie, der auch ein Umdenken des traditionellen Autobesitzes bewirken dürfte. Polestar, eine Marke von Volvo, will seinen Polestar 1 zum Beispiel in einer Art Abo-Modell anbieten, das den Fahrer nicht zum Besitzer, sondern zum Benutzer eines Fahrzeuges macht. Der Vorteil: Nach der Abo-Laufzeit gibt man sein Auto zurück und bekommt, wenn man denn möchte, einen neuen Wagen. In finanziellen Notlagen könnte man sein Abo stornieren, ohne sich um den Verkauf seines Autos zu kümmern oder weiterhin Steuern und Versicherungen bezahlen zu müssen. Immer mehr Autobesitzer erkennen das, und vermieten ihr eigenes Auto, um ihre Kosten zu senken und die Zeit zu nutzen, in denen ihr Auto unnütz auf der Straße herumsteht.

Nahverkehr als Lösung für die Zukunft ohne Autos?

Haben Sie in letzter Zeit mal mit jemandem übers Autofahren gesprochen? Wenn ja, dann ging es wahrscheinlich um eines dieser Themen: Sie haben keinen Parkplatz gefunden, Ihr Auto kostet Sie Ihr letztes Hemd, oder alle anderen Autofahrer sind wahnsinnige Psychopathen, die allesamt eingesperrt gehören. Tatsächlich nimmt die Anzahl der Nötigungsdelikte im Straßenverkehr schon seit Jahrzehnten immer weiter zu. Das liegt vor allem an der immer höheren Anzahl der Autos auf deutschen Straßen, denn wer ein Ziel erreichen will, für den sind andere Autofahrer dabei eher hinderlich und darum ein Stressfaktor. Wer sich morgens für eine halbe Stunde in die U-Bahn setzt, hat Gelegenheit zu frühstücken und bekommt vor Beginn des Arbeitstages schon mehr geschafft, als jeder Autofahrer. Trotzdem, das muss man einsehen, ist der öffentliche Nahverkehr vielerorts zumindest stark ausbaufähig.

Ist das Elektroauto zukunftsfähig?

Der Elektromotor kommt. Daran kann es (fast) keinen Zweifel mehr geben. Allerdings übersehen Hersteller wie Tesla, VW und Co. eine fundamental wichtige Tatsache, die die Nutzung von Elektroautos massiv erschwert: Ein großer Teil aller potenziellen Autofahrer lebt in Städten und hat keinen Zugriff auf einen eigenen Parkplatz. Wo also den Stromer laden? Ich kann mir kaum vorstellen, dass es Elektroautobesitzer gibt, die eine Kabeltrommel aus dem siebten Stock werfen würden, um ihr Auto über Nacht laden zu können.

Lösungsansätze für dieses Problem gibt es viele, und einer klingt fantastischer als der andere. Da ist die Rede von elektrischen Straßen, die Autos per Induktion laden, oder von kleinen, autonomen Fahrzeugen mit massiven Batterien, die nachts durch die Straßen fahren, und sich an parkende Elektroautos andocken. Klingt nach Science Fiction, ist aber eher Fantasy. Die sinnvollste Lösung wäre wohl eine Flotte von Elektroautos, die der Kunde an einer Ladestation, ähnlich einer Haltestelle, abholen kann, und die nach dem Parken autonom dahin zurückfinden können. Diese autonomen Fahrzeuge könnte man sogar bis vor die eigene Haustür bestellen. So würde der Gang zur Ladestation ausfallen und sogar ländliche Gegenden könnten mit Autos „on-demand“ versorgt werden.

Können wir uns auch in Zukunft noch Autos leisten?

Autofahren wird teurer und teurer. Was unsere Eltern noch als Selbstverständlichkeit angesehen haben, ist für Kinder der Neunzigerjahre fast schon ein Luxus, den sich immer weniger Menschen zu leisten bereit sind. Dabei wird auch in Zukunft niemand aufs Autofahren verzichten müssen. Ein Umdenken, was traditionellen Autobesitz angeht, ist aber dringend vonnöten. Wie Rabea Gräfe so treffend angemerkt hat: „Wir sind keine Wahrsager“, aber die Aussicht auf sauberere, ruhigere Innenstädte und besseren öffentlichen Nahverkehr ist den Verzicht aufs eigene Auto doch durchaus wert.

(Bildmaterial: Shutterstock)


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