Bremsen entlüften: Das können Sie auch

So greifen die Bremsen wieder besser
Bremsen warten zu Hause
Luft und Wasser in Bremssystem sind Sicherheitsrisiken. NUTTANART KHAMLAKSANA / shutterstock.com
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Einleitung von Jonas Futschik, Redakteur bei PKW.de 02.01.2019

Irgendwann hält jedes Auto an. Bestenfalls passiert das kontrolliert und sanft, schlimmstenfalls sorgt eine Mauer, ein Baum oder ein anderer Verkehrsteilnehmer für die Bremswirkung. Damit es gar nicht erst so weit kommt, ist die richtige und regelmäßige Wartung der Bremsen wichtig. Dazu gehört auch das Auswechseln der Bremsflüssigkeit. Was genau das ist, und ob Sie die Prozedur auch daheim durchführen können, weiß PKW.de.

Was ist Ihr Auto wert? Wir sagen es Ihnen.

Bremsen entlüften: Verstehen Sie, wie die Bremsen funktionieren

Was passiert eigentlich, wenn Sie auf die Bremse treten? Ein kleiner Hammer schlägt dem sogenannten Bremsgnom auf den Kopf, der dann einen großen Schuh auf die Straße hält und so das Auto abbremst. Wenn Sie uns das abkaufen, sollten Sie vielleicht nicht weiter lesen und lieber direkt in die Werkstatt fahren.

Tatsächlich ist die Bremsanlage ein hydraulisches System. Wenn Sie auf die Bremse treten, drückt ein Zylinder Bremsflüssigkeit durch die Bremsleitungen. Auf der anderen Seite drückt diese Bremsflüssigkeit einen weiteren Kolben durch einen Zylinder, der wiederum mit den Bremsbacken verbunden ist. Die versuchen dann, die Bremsscheiben festzuhalten. Es entsteht Reibung und Bewegungsenergie wird in Hitze umgewandelt. Das Auto kommt zum Stehen.

Das hydraulische System hat einige entscheidende Vorteile gegenüber einem mechanischen System oder einem Seilzug, wie er in den Bremsen der meisten Fahrräder zum Einsatz kommt: Weniger bewegliche Teile halten den Verschleiß gering und wo Metallteile sich bei großer Hitze oder Kälte verziehen könnten, ist ein Hydrauliksystem größtenteils gegen die Effekte schwankender Temperaturen gefeit. Aber natürlich ist auch dieses System nicht perfekt.

Beim Bremsen entlüften ist äußerste Sorgfalt wichtig

Wer regelmäßig Kriminalfilme ansieht, weiß, dass zum Beispiel eifersüchtige Expartner oder feindliche Assassinen sich gerne mal an den Bremsleitungen ihrer Opfer zu schaffen machen. Das Perfide: Man merkt nicht immer sofort, dass die Bremsflüssigkeit langsam ausläuft, und eine Bremsleitung hat einem Bolzenschneider weniger entgegenzusetzen als zum Beispiel eine Stange. Außerdem kann bei längerer Benutzung Luft in die Bremsanlage gelangen. Bremsflüssigkeit kann nicht komprimiert werden. Darum kommt der Druck, den Sie auf das Bremspedal ausüben, genauso auf der anderen Seite der Leitung an. Luft allerdings lässt sich hervorragend komprimieren. Darum wirkt bei Weitem nicht der volle Druck auf die Bremsscheiben. Um die Luft aus der Bremsanlage zu befördern, muss diese regelmäßig entlüftet werden.

Achtung: Bremsflüssigkeit ist gefährlich
Mit Bremsflüssigkeit ist nicht zu spaßen. Sie reizt die Haut und Augenkontakt kann schnell zu Blindheit führen. Viel schlimmer ist aber: Sie greift sofort den Autolack an. Ein kleiner Tropfen der Hydraulikflüssigkeit kann sofort irreparable Schäden am Lack anrichten. Beim Umgang mit Bremsflüssigkeit ist also äußerste Vorsicht geboten. Tragen Sie Schutzkleidung und stellen Sie eine große Flasche mit sauberem Wasser griffbereit, um im Zweifelsfall schnell spülen zu können.

Eines vorweg: Die Bremsanlage ist wahrscheinlich die wichtigste Sicherheitskomponente Ihres Autos. Versuchen Sie nur, die Bremsen selbst zu entlüften, wenn Sie sich die Prozedur hundertprozentig zutrauen. Testen Sie Ihre Arbeit nach der Prozedur bei Schrittgeschwindigkeit. Im Zweifelsfall fahren Sie lieber in die Werkstatt.

Wenn Sie die Bremsen entlüften wollen, sollten Sie gleichzeitig auch die Bremsflüssigkeit austauschen. Sie brauchen also neue Bremsflüssigkeit, die für Ihr Fahrzeug zugelassen sein muss. Ein paar verschiedene Schraubenschlüssel und Schraubenzieher, um die Ventile zu öffnen. Ein Wagenheber, um an die Unterseite des Autos zu kommen. Schutzbrille, Handschuhe und ein sauberer, fusselfreier Lappen runden die improvisierte Werkstatt ab. Ach ja, einen Freund brauchen Sie auch noch.

Bremsen entlüften: So geht‘s

Zunächst muss das Auto Rad für Rad aufgebockt werden. Fangen Sie bei dem Rad an, das am weitesten vom Bremspedal entfernt ist. Im Falle eines Linkslenkers wäre das das rechte Hinterrad. Hierbei ist es wichtig, dass das Auto stabil auf dem Wagenheber steht und auch dann nicht fällt, wenn Sie daran rütteln. Dann montieren Sie das aufgebockte Rad ab. Wie das geht, steht in unserem Artikel zum Reifenwechsel, den Sie bei der Gelegenheit auch gleich durchführen können, wenn es Zeit ist.

Lokalisieren Sie nun das Entlüftungsventil Ihrer Bremsen und nehmen Sie die Kappe ab. Dann setzen Sie den Schlauch möglichst fest auf das Ventil. Die andere Seite hängen Sie in einen Behälter, der ungefähr zu einem Drittel mit frischer Bremsflüssigkeit gefüllt ist. Das Ende des Schlauches muss in die Bremsflüssigkeit eingetaucht sein. Dann öffnen Sie das Reservoir für die Bremsflüssigkeit und füllen es mit frischer Flüssigkeit auf. Diesen Behälter finden Sie meist unter der Motorhaube. Dann drehen Sie das Ventil auf, an das Sie eben noch den Schlauch angeschlossen haben.

Jetzt brauchen Sie einen Freund. Der setzt sich ans Steuer und pumpt langsam das Bremspedal. Dabei ist es wichtig, dass das Pedal nicht weiter als zu einem Drittel durchgedrückt wird, damit der Druck nicht zu groß wird. Die alte Bremsflüssigkeit wird mit jedem Tritt aufs Bremspedal durch den Schlauch gepumpt und nimmt dabei Luftblasen und Feuchtigkeit mit. Stellen Sie unbedingt sicher, dass der Flüssigkeitsstand im Reservoir nie unter ein Viertel fällt. Sonst zieht man irgendwann Luft ins System und die ganze Prozedur war umsonst. Wenn dann keine Luftblasen mehr aus dem Ablassventil kommen, sind Sie fertig. Schließen Sie das Ventil, nehmen Sie vorsichtig den Schlauch ab und bringen Sie das Rad wieder an der Achse an.

Die ganze Prozedur wiederholen Sie jetzt für alle anderen Räder. Dabei nähern Sie sich mit jedem Rad weiter dem Bremspedal an. Bei einem Linkslenker beginnen Sie also hinten rechts, dann hinten links, dann vorne rechts und zu guter Letzt vorne links.

Erste Bremsen entlüften, dann vorsichtig testen

Wenn Sie sorgfältig gearbeitet und alle Schrauben und Ventile wieder geschlossen haben, sind Sie jetzt fertig. Bevor Sie aber sorglos auf die nächste Autobahn fahren, sollten Sie unbedingt das Ergebnis Ihrer Arbeit testen. Treten Sie einige Male auf die Bremse und überprüfen Sie erneut die Ablassventile. Wenn die Bremsen richtig entlüftet sind, sollte sich das Pedal solide anfühlen und nicht zu leicht nachgeben. Außerdem sollte an den Ventilen keine Bremsflüssigkeit austreten.

Fahren Sie mit Schrittgeschwindigkeit los und treten Sie fest auf die Bremse. Funktioniert alles? Wenn ja, steigern Sie langsam die Geschwindigkeit und testen Sie die frisch entlüfteten Bremsen gründlich auf ihre Wirkung. Wenn immer noch keine Bremsflüssigkeit aus den Ventilen austritt, sind Sie fertig. Alte Bremsflüssigkeit darf auf keinen Fall in den Hausmüll entsorgt werden und darf schon gar nicht ins Wasser gelangen. Autowerkstätten und einige Schrottplätze nehmen die Abfälle entgegen und entsorgen sie fachgerecht.

Sie können also Ihre Bremsen selbst entlüften, wenn Sie wissen, was Sie tun, und die Risiken kennen. Wenn Sie sich nicht zu 100 Prozent sicher sind, sollten Sie die Prozedur aber einem Profi überlassen. Wie auch immer Sie vorgehen, PKW.de wünscht, wie immer, gute Fahrt.


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