Reifengas: Hat Luft ausgedient?

Warum sollte man seine Reifen mit etwas anderem als Luft füllen?
Wozu braucht man Reifengas?
Hat Luft ausgedient? Was kann Reifengas? Dana Gardner / shutterstock.com
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Einleitung von Jonas Futschik, Redakteur bei PKW.de 25.10.2018

Die Erfindung des Reifens revolutionierte den Straßenverkehr und machte unser modernes Leben, das so auf das Auto angewiesen ist, erst möglich. Der erste praktikable Gummireifen wurde bereits 1888 in London hergestellt und revolutionierte zunächst das Fahrrad, dann das Auto und machte schließlich die sichere Landung der ersten Flugzeuge möglich. Der Gummireifen ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken und für mehr als 100 Jahre war ganz simple, günstige Luft gut genug, um die Pneus zu befüllen. Weil man mit genug Kreativität aber wirklich jedem alles verkaufen kann, gibt es mittlerweile sogenanntes Reifengas, das Luft plötzlich wie eine Substanz zweiter Klasse erscheinen lässt. Die zwei wichtigsten Fragen: Was ist Reifengas? Und vor allem: Braucht man das? PKW.de hat die wenig überraschenden Antworten.

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Reifengas kommt auch im Space Shuttle zum Einsatz

Luft ist eine tolle Sache, vor allem, weil man sie atmen kann. Sie lässt aber auch Flugzeuge fliegen, treibt Schiffe über die Weltmeere und trocknet nach dem Duschen unsere Haare. Und sie füllt die meisten Reifen. Und nun sagt Ihnen Ihr Mechaniker, dass die Luft in Ihren Reifen nicht gut genug ist. Sie sollen Reifengas kaufen für 15 bis 30 Euro pro Reifensatz.

Die Werbeargumente klingen zunächst unschlagbar. Immerhin wird das Reifengas nicht nur in der Formel 1 benutzt, auch große Flugzeuge und sogar das Space Shuttle setzen für ihre Reifen nicht auf ordinäre Luft. Außerdem soll Reifengas dafür sorgen, dass man den Reifendruck seltener kontrollieren muss, denn es bewegt sich viel langsamer durch die Wand des Reifens. Feuchtigkeit oder Öldämpfe können sich in dem speziellen Gas ebenfalls nicht halten und können so weder das Gummi noch das Innere der Felge angreifen. Klingt ja alles ganz hervorragend. Tja, leider haben wir an dieser Stelle ein paar schlechte Nachrichten.

Reifengas: Homöopathie fürs Auto

Reifengas ist heute nichts anderes als Stickstoff. Allerdings besteht normale Atemluft ebenfalls zu 78 Prozent aus Stickstoff. Die physikalischen Eigenschaften von Luft sind also kaum anders als die von reinem Stickstoff. Zwar wandern (diffundieren) die leichten Anteile der Luft tatsächlich eher durch die Reifenwand. Wer seine Reifen aber schon seit einer Weile mit Luft befüllt, hat wahrscheinlich sowieso einen hohen Stickstoffanteil in seinen Reifen. Wenn Ihr Reifenhändler behauptet, dass seine Druckluft mit Feuchtigkeit oder Öldämpfen kontaminiert ist, haben wir einen Tipp: Suchen Sie sich schleunigst einen neuen Reifenhändler. Ihrer lügt Sie entweder an oder kümmert sich nicht gut genug um seine Ausrüstung. Eigentlich sollte jede gut gewartete Anlage einen Öl- und Wasserabscheider haben.

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Reifengas hat einen großen Vorteil

Aber was ist jetzt mit dem Space Shuttle? Und was ist mit der Formel 1? Diese Anwendungen unterscheiden sich in fast jedem Punkt vom normalen Straßenverkehr. Wenn ein Flugzeug zu hart aufsetzt oder sogar den Start abbrechen muss, werden die Bremsen in kürzester Zeit über 1000 Grad heiß. Der Schmelzpunkt von Reifengummi liegt weit unter dieser Temperatur. Damit der Reifen also bei dieser extrem hohen Belastung nicht sofort platzt, kann es zu einem Abblasen kommen. Hierbei wird das Gas aus dem Reifen gelassen, um den Druck zu reduzieren und die Bodenhaftung zu erhöhen. Wenn man nun eine Kombination aus mehreren Tonnen Treibstoff und extrem hohen Temperaturen hat, möchte man eine Sache nicht in der Nähe haben: Sauerstoff. Stickstoff oder in seltenen Fällen sogar Helium wird also nicht verwendet, weil es auf magische Weise die Rolleigenschaften des Reifens verbessert, sondern weil es inert ist und darum nicht brennt oder im besten Fall ein Feuer sogar ersticken kann.

Reifengas und der Glaube an die Wirkung

Manche Reifenhändler verkaufen sogar ordinäre Luft als Reifengas. Aussagen wie: „Wir füllen alle neuen Reifen mit Gas“ sind dabei nicht mal falsch, denn natürlich ist auch Luft ein Gasgemisch. Warum aber liest man überall von Menschen, deren Polo sich plötzlich fährt wie ein Benz, weil jemand Wundergas in seine Reifen gefüllt hat? Rein physikalisch macht das Reifengas keinen Unterschied, den man im Alltag spüren kann. Aber: Der berühmte Placebo-Effekt ist stärker, als man denken mag. Gegen Reifengas ist im Grunde nichts einzuwenden, denn es richtet zumindest keinen Schaden an. Wenn Sie also auf den Stickstoff im Gummi bestehen: Bitte sehr, wir halten Sie nicht auf. Alle anderen geben die paar Euro für etwas Schöneres aus.


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