Der Euro-NCAP-Crashtest: Totalschaden nach Norm seit 20 Jahren

Ford und Fiat fahren bei NCAP-Crashtest vor die Wand
Beim NCAP-Crashtest werden nagelneue Fahrzeuge gleich wieder zu Schrott
Das tut weh: Ein fabrikneuer VW Arteon opfert sich für das Allgemeinwohl.
frederick
Einleitung von Fredereick Petkovski, Redakteur bei PKW.de 31.07.2017

Bereits seit 1997 wird der offizielle Crashtest nach dem Euro-NCAP-Standard durchgeführt. Das sogenannte „New Car Assessment Program“ ist eine Vereinigung europäischer Verbraucherschützer und Automobilclubs, die gegründet wurde, um Sicherheitsbewertungen für Fahrzeuge abzugeben, die unter streng genormten Bedingungen „gecrasht“ werden.

Die Bewertungskriterien im Überblick

Einfluss finden mit Insassen-, Fußgänger- und Kinderschutz drei Teilkriterien, aus denen dann eine Gesamtbewertung generiert wird, bei der maximal fünf Sterne vergeben werden. Zentralster Part ist dabei der Insassenschutz, der mit 64 km/h Frontalcrash, 48 km/h Seitencrash und 30 km/h Pfahltest jedem noch so bulligen SUV den Garaus macht. Durch eine transparente und detaillierte Ergebnisdarstellung kann die Sicherheit der getesteten Modelle anschließend ausführlich miteinander verglichen werden. Besonders hilfreich für Käufer: Seit 2009 werden in den vier Bereichen Erwachsenen-Insassenschutz, Kinderschutz, Fußgängerschutz und Sicherheits-Unterstützung prozentuale Angaben gemacht, sodass der Kunde bei Neuanschaffungen genau abwägen kann.

Viele Neuveröffentlichungen mit Bestbewertung bei diesjähriger Verschrottungsparade – VW, Volvo und BMW ganz oben

Zunächst die positive Nachricht: Fast alle Modelle, die bisher 2017 getestet wurden, überzeugen in den drei Kategorien und kommen auf eine solide Gesamtbewertung innerhalb der Vier- bis Fünf-Sterne-Kategorie. Bei klassischen Prestigemodellen mit neuesten Sicherheits- und Assistenzsystemen ist die volle Punktzahl sozusagen geradezu selbstverständlich. Ob nun VW Arteon, neuer 5er BMW oder die fabrikfrischen Volvo V- und S90: hier hatten die Tester nur wenig zu bemängeln.

Auch einige echte Überraschungsergebnisse kamen zustande. So ist der größte kleinste Gewinner wohl der neue Nissan Micra mit Safety Pack, bei dem man doch nicht unbedingt mit einer glatten 5-Sterne-Bewertung gerechnet hätte. Auch die Grundversion konnte akzeptable vier Sterne erobern, während die Bewertungen der ersten Micra-Reihen dagegen noch im unterdurchschnittlichen Zwei-Sterne-Bereich lagen. Der japanische Traditionshersteller hat aus seinen Fehlern gelernt und legt in allen Punktekategorien kräftig zu.

Der Nissan Micra sah zwar deutlich angeschlagen aus, doch für Insassen bietet er einen guten Schutz.
Der Nissan Micra sah zwar deutlich angeschlagen aus, doch für Insassen bietet er einen guten Schutz.

Ford und Fiat abgeschlagen – Mustang mit schlechtestem Ergebnis

Weniger rosig sah es in diesem Jahr für die Riesen Ford und Fiat aus. Hatte Ford mit seinem Edge 2016 noch eine Topbewertung abräumen können, lief es für die Modelle in diesem Jahr alles andere als solide. Ein Desaster erlebte der Kfz-Pionier nun ausgerechnet mit der neuen Europaversion seines legendären Mustangs, dessen Bewertung mit insgesamt schwachen zwei Sternen teilweise nahezu katastrophal ausfiel. Während der Aufprallschutz noch als nominal eingestuft wurde, haperte es insbesondere an der Unfallvermeidungstechnologie. Im Mustang ist der Fahrer quasi auf sich allein gestellt und darf nicht auf die elektronische Hilfe durch das Sportmodell hoffen – von Kindersicherheit ganz zu schweigen. Aber auch die gehobenere Ausführung konnte mit drei Sternen nicht wirklich überzeugen. Doch gerade bei einem derartig agilen Modell wäre eine höhere Sicherheitsausstattung höchst sinnvoll. Fords Klassiker bleibt so ein wildes und unzähmbares Gefährt für Mutige und Draufgänger, das keinesfalls für Fahranfänger oder Familien zu empfehlen ist.

Ebenso wenig überzeugte der Ford Ka+, dessen Schwachstellen sowohl in der Sicherheitsunterstützung als auch im Fußgängerschutz lagen, die Crash-Tester, sodass auch er nur dürftige drei Sterne „ercrashen“ konnte. Nicht besser lief es für den Giganten Fiat, dessen beiden Modelle auch nicht gerade eine „bella figura“ machten. Sowohl der kompakte und sehr günstige Familienvan Doblo (ab ~14.000 Euro) als auch der Verkaufsschlager 500 ließen in allen Sicherheitskategorien Federn und konnten im Vergleich zur starken Konkurrenz größtenteils nicht mithalten. Hier scheinen die Italiener an den falschen Stellen gespart zu haben, denn bei beiden Baureihen bleib es nur bei recht mauen drei Sternen.

In 20 Jahren bereits etwa 78.000 Leben gerettet

Bereits seit 20 Jahren sorgt der strenge Kontrolltest effektiv für mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Bis zu 78.000 Leben konnten nach Angaben des Euro NCAP seit 1997 gerettet werden. Innerhalb von 20 Jahren investierte das Kontrollgremium rund 160 Millionen Euro in neue Testverfahren und konnte immer wieder eklatante Mängel bei populären Modellen aufdecken. Fielen die ersten Tests noch häufig katastrophal aus, sind die Fahrgäste heute durch etablierte und standardisierte Mindestsicherheitsvorgaben erheblich besser geschützt. Inzwischen haben neun von zehn Fahrzeugen eine NCAP-Crashbewertung, die die Hersteller zur stetigen Entwicklung und Verbesserung in Sachen Design und Konstruktion antreibt. Auch die Automobilindustrie selbst unterstützt mittlerweile den Entwicklungsprozess von neuen Anforderungen für die höchste Sicherheitskategorie, um einen stetigen Entwicklungsprozess zu fördern. Auch in Zukunft soll Autofahren immer sicherer werden.

(Bild-/Videomaterial: Euro NCAP)


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