Le Mans wird zum Überlebenskampf – Porsche triumphiert

Wie schnappt man sich den Gesamtsieg in Le Mans? PKW.de verrät Details!
Das 24-Stunden-Rennen verlangt den Fahrern physisch und psychisch alles ab.
So geordnet geht es beim Le Mans äußerst selten zu, denn Crashs und Pannen stehen geradezu massenhaft auf der Tagesordnung.
frederick
Einleitung von Fredereick Petkovski, Redakteur bei PKW.de 26.06.2017

Auch im 94. Jahr des legendären 24-Stunden-Rennens stand Porsche wieder ganz oben auf dem Podest. In der LMP1-Klasse triumphierten die Piloten nach einer packenden Aufholjagd vor 285.000 Zuschauern. Doch für die eigentliche Sensation des Rennens sorgte in diesem Jahr der kleine Rennstall DC-Racing von Schauspielstar Jackie Chan. Der DC-Oreca der LMP2-Klasse führte das Fahrerfeld lange Zeit an, musste sich gegen Ende jedoch den Zuffenhausenern geschlagen geben. Warum Porsches dritter Gesamtsieg in Folge lange Zeit auf der Kippe stand, das Rennen für Toyota zum Totalausfall wurde und ob die WEC-Rennserie gar vor ihrem Aus steht, erfahren Sie in diesem kurzen Bericht von PKW.de.

Sieger-Porsche drohte bereits zu Beginn der Ausfall

Es waren erst rund drei Stunden gefahren, da drohte der LMP1 rund um Timo Bernhard, Earl Bamber und Brendon Hartley bereits auszufallen. Das Zusammenspiel von Hybrid und Antrieb an der Vorderachse machte derartige Probleme, dass es der Bolide nur mit Mühe und Not in die Box schaffte. Mit Hochdruck machten sich die Mechaniker ans Werk und wechselten die gesamte Motor-Getriebe-Einheit, sodass der Rennwagen nach etwas über einer Stunde wieder auf die Piste konnte. Es folgte eine packende und unvergleichliche Aufholjagd von Position 55, an deren Ende die Schwaben schließlich erneut als glorreiche Gewinner feststanden.

Lange stand Porsches Gesamtsieg auf der Kippe...
Lange stand Porsches Gesamtsieg auf der Kippe...
...doch dank der Hochleistungsarbeit der Mechaniker konnten sich die Zuffenhausener auch den dritten Titel in Folge sichern.
...doch dank der Hochleistungsarbeit der Mechaniker konnten sich die Zuffenhausener auch den dritten Titel in Folge sichern.

Schon wieder Le Mans-Drama um Toyota

Möglich wurde der späte Porsche-Triumph auch durch den Ausfall der ärgsten Konkurrenz. Der hartnäckigste Verfolger Toyota erlebte wieder mal ein Totaldebakel. Die LMP1-Boliden des Toyota Rennstalls Gazoo-Racing waren innerhalb kürzester Zeit entweder zur Aufgabe gezwungen, oder hoffnungslos abgeschlagen. Besonders dramatisch verhielt sich der Ausfall des Trainingsschnellsten Kamui Kobayashi, der das Fahrerfeld mehrere Stunden anführte. Nach Toyotas filmreifem Ausscheiden im Vorjahr, bei dem der LMP1-Toyota in der letzten Runde auf der Zielgeraden stehen blieb, meinte es das Schicksal auch beim 85. Le Mans-Rennen nicht gut mit dem japanischen Rennstall.

Für einen Routinestopp stand der Toyota #7 in der Box, als eine Person irrtümliche Zeichen gab, die Pilot Kobayashi als Startaufforderung interpretierte. Ein fataler Fehler, der nicht folgenlos blieb: Der Japaner startete ins Rennen, nur um kurz darauf nach Aufforderung des Toyota-Kommandostands wieder zu halten. Beim erneuten Anfahren brannte prompt die Kupplung durch, denn der Hybrid war bereits nach dem ersten Start vom Elektro- auf den Verbrennermodus umgestellt. Die Kupplung ist jedoch nur für den Hybridstart ausgerichtet und schaltet sich im Normalfall erst nach einer rein elektrischen Beschleunigung ab 60 km/h hinzu. Nach kurzer Zeit blieb Kobayashi nur noch die Möglichkeit zur Aufgabe.

Viel wurde über die zunächst unbekannte Person in der Box spekuliert, die den Piloten zum Starten bewegt hatte. Sogar von einem „verkleideten Irren“ war die Rede. Doch nach Prüfung des Videomaterials konnte der Fremde als LMP2-Pilot Vincent Capillaire des Algarve-Pro-Teams identifiziert werden, der seinen Rennkollegen bloß anfeuern wollte. Eine höchst kuriose Geschichte, wie sie wohl nur das berühmte 24-Stunden-Rennen an der Sarthes schreiben kann.

Besonders tragisch traf es Toyota, die wieder mal ein Rennen zum Vergessen erlebten.
Besonders tragisch traf es Toyota, die wieder mal ein Rennen zum Vergessen erlebten.

Die absolute Rennsensation lag in der Luft

Durch Kobayashis Ausfall weit in Führung war der Porsche-Nr. 1 zunächst für über zwölf Stunden klar auf Siegeskurs – bis auch hier das plötzliche Aus folgte. Ohne Öldruck war der 919 Hybrid nicht mehr renntauglich und fiel komplett aus. Nachdem es im gesamten LMP1-Segment reihenweise zu Ausfällen gekommen war, schien zunächst das fast Unmögliche greifbar. Lange Zeit führte ein LMP2-Oreca des DC-Teams von Schauspiellegende Jackie Chan nicht nur sein Klassement, sondern auch das gesamte Teilnehmerfeld an. Pilot Thomas Laurent wäre mit nur 19 Jahren zudem der jüngste Le Mans-Gewinner aller Zeiten gewesen. Doch der zweite Porsche lieferte nach seinem ausgedehnten Reparaturstopp, als einer von zwei verbliebenen LMP1-Wagen, eine makellose Restperformance ab und kämpfte sich Stück für Stück durch das Teilnehmerfeld an die Spitze. Das DC-Team konnte sich aber noch den Klassensieg sichern und über einen mehr als respektablen zweiten Platz freuen.

Die hohe Ausfallquote macht deutlich, dass die hochgezüchteten Hybrid-Rennwagen der LMP1-Klasse extrem anfällig sind und nur mit der gewissen Portion Glück eine reibungslose Performance ermöglichen. So hatte das Porsche-Team vor dem legendären Rennen an der Sarthe ganze vier 30-Stunden-Tests durchgeführt und stand dennoch kurz vor einem Komplettausfall. Besonders bemerkenswert: Die LMP2-Rennwagen mit ihren 600 PS starken V8-Motoren im Wert von rund 480.000 Euro sind vom materiellen Versagen ohne Fremdeinwirkung dagegen kaum betroffen, während die teuren Hybrid-Boliden der WEC-Meisterschaft im Jahr ein Budget von über 100 Millionen Euro verschlingen.

Gerade die Hybridtechnologie steht im Fokus der Kritiken, da sie nochmals für zusätzliche Komplikationen sorgt. Die Unberechenbarkeit macht die WEC für Zuschauer zwar durchaus attraktiv, doch die Rennställe distanzieren sich zunehmend, da die Teilnahme mit einem extremen Kostenfaktor verbunden ist. Sollten sich nun auch Porsche oder Toyota zurückziehen, stünde die gesamte Serien wohl vor dem Aus.

Fast gelang die Sensation, doch immerhin blieb dem LMP2-Oreca von DC-Racing noch der fantastische zweite Platz.
Fast gelang die Sensation, doch immerhin blieb dem LMP2-Oreca von DC-Racing noch der fantastische zweite Platz.

(Bildmaterial: ©Porsche AG.; Toyota Deutschland GmbH; Automobile Club de l’Ouest)


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