Nächste Enthüllung – Porsche ruft fast 22.000 Fahrzeuge zurück

Rückrufwelle verschärft Krise der Autobauer
Mit dem Cayenne Diesel scheint Porsche schmutzige Geschäfte zu machen: Die Emissionswerte stimmen nicht.
Mit dem Cayenne Diesel scheint Porsche schmutzige Geschäfte zu machen: Die Emissionswerte stimmen nicht.
frederick
Einleitung von Fredereick Petkovski, Redakteur bei PKW.de 01.08.2017

Ganz offiziell machte es eine Porsche-Pressemitteilung vom 28.07. mit dem einfachen Betreff „Software-Update für Motorsteuerung bei Diesel-Fahrzeugen“. Was zunächst recht harmlos klingen mag, entwickelt sich zur neuen Episode in Sachen Dieselaffäre. Folgend heißt es in dem Informationsschreiben schlicht, dass der Konzern in Abstimmung mit dem Kraftfahrtbundesamt (KBA) das Modell Cayenne zurückruft. Konkret geht es um den Fahrzeugtypus mit 3,0-Liter-V6-Diesel und Emissionsklasse EU6, der zwischen 2014 und 2017 produziert wurde. Europaweit müssen nun ganze 21.500 Stück des Selbstzünders vom Hersteller zurückgerufen werden – immerhin rund 6.000 Fahrzeuge des Cayenne sind auch in Deutschland zu finden.

Neue Dimensionen im Dieselskandal – Kraftfahrtbundesamt offenbar auch verwickelt. Was Betroffene jetzt wissen müssen, hier bei PKW.de.

Auch zur Ursache für den Handlungsbedarf äußerten sich die Stuttgarter gleich öffentlich. So habe der Premiumhersteller bei internen Untersuchungen Unregelmäßigkeiten in der Motorsteuerungssoftware festgestellt und diese dem KBA dargelegt. Gleichzeitig verwundert eine beigefügte Aussage, durch die Porsche betont, selbst keine eigenen Dieselmotoren zu produzieren. Die betroffenen Motoren stammen stattdessen von VW-Tochterkonzern Audi – den Seitenhieb auf das Ingolstädter-Management, das im neuerlichen Betrugsbeben besonders in der Schusslinie steht, ließen sich die Zuffenhausener nicht nehmen.

Gleichzeit versprach Porsche, die volle Verantwortung gegenüber den Kunden zu tragen und den Mangel kurz und schmerzlos zu beheben. Ab Herbst 2017 werde die Rückrufaktion starten und schnellstmöglich abgeschlossen werden. Betroffene Kunden werden direkt von ihrem jeweiligen Porsche-Partner kontaktiert, um einen Werkstattbesuch zu vereinbaren, bei dem ein einstündiges-Software-Update vorgenommen werden soll, sodass die Kunden nicht auf ihr Fahrzeug verzichten müssen. Für die Maßnahme fallen beim Verbraucher natürlich keine Kosten an, denn diese muss Porsche selbstständig tragen. Unternehmenssprecher Christian Weiss verlautbarte abschließend, mit den Behörden weiter in engem Austausch zu stehen. Wie eng dieser Austausch aber wirklich ist, scheint erst jetzt vollständig klar zu werden.

Betrugsverdacht auch gegen Kraftfahrtbundesamt selbst

Es verging nicht viel Zeit, da wurden sogleich Vorwürfe neueren Ausmaßes laut: Das Kraftfahrtbundesamt soll bereits seit über einem Jahr von den Problemen Porsches gewusst, abschließende Berichte jedoch geschönt haben. Wie konnte es dazu kommen? Die Offenlegung einer Korrespondenz zwischen Hersteller und Behörde verschärft nun den Druck auf Bundesverkehrsminister Dobrindt (CSU) zunehmend. Denn nach Recherchen der „Bild“-Zeitung habe das KBA bereits vor mehr als einem Jahr von „Abschalteinrichtungen“ beim Diesel-Modell des Macan erfahren und das frühzeitige Herunterfahren der Abgasreinigungsraten nach „Vorschrift als Abschalteinrichtung“ gewertet, die klar rechtswidrig ist. Eine Intervention Porsches sei für eine Veränderung im entschärften Endbericht verantwortlich, in dem es dagegen nur heißt: “Dies kann nach Vorschrift als eine Veränderung des Emissionsverhaltens des Abgassystems gesehen werden.” – also keine Rede mehr von Betrugssoftware. Offiziell bestreitet das Ministerium eine Korrespondenz, bei der mit dem Hersteller „technische Fragen erörtert“ worden seien, nicht. Ob sich die Rückrufaktion nun auch auf das Modell Macan ausweitet, bleibt zunächst abzuwarten. Kommenden Mittwoch, 02.07., trifft sich die Bundesregierung mit Vertretern der Autoindustrie zum heiß erwarteten Diesel-Gipfel, um angesichts der Kartellvorwürfe weiter zu beraten und nötige Konsequenzen zu ziehen. Natürlich hält Sie PKW.de bei neuen Entwicklungen und Entscheidungen auf dem Laufenden.

Darf der Cayenne nun nicht mehr gefahren werden?

Bis zur Rückrufaktion bleibt die Zulassung der Fahrzeuge vorerst unberührt, sodass diese weiterhin betrieben werden dürfen. Doch Betroffene sind ausdrücklich verpflichtet, an der kommenden Umrüstungsaktion teilzunehmen. Im Fall der Weigerung werden Halter vom Kraftfahrtbundesamt selbst kontaktiert und nochmals dazu angehalten, die Nachrüstung durchzuführen. Sollte auch hier nicht Folge geleistet werden, können die örtlichen Zulassungsstellen den Betrieb des Fahrzeugs untersagen. Durch eine Untersagungsverfügung kommen dann weitere Kosten auf den Halter zu. Auch im Rahmen der turnusmäßigen Hauptuntersuchung wird die Nachrüstung kontrolliert, woraufhin Fahrzeugen ohne Software-Update wegen erheblicher Mängel keine neue Plakette ausgestellt wird.

Bleibt es beim Cayenne-Rückruf. Bei den immer neuen Vorwürfen wahrlich schwer zu glauben - So steht etwa auch der Macan unter Manipulationsverdacht.
Bleibt es beim Cayenne-Rückruf. Bei den immer neuen Vorwürfen wahrlich schwer zu glauben - So steht etwa auch der Macan unter Manipulationsverdacht.

Die Ansprüche des Kunden

Wer kürzlich den besagten Diesel-Cayenne bestellt hat, hat im Rahmen der Sachmängelhaftung natürlich Anspruch auf eine kostenfreie technische Nachbesserung. Sollte dies nicht möglich oder mit hohen Wartezeiten verbunden sein, kann man auch vom Kaufvertrag zurücktreten oder gar eine Preisminderung verlangen. Wenn die Nachbesserung zu signifikanten Nachteilen bei Leistung und Verbrauch führt, besteht das Recht auf Minderung oder Rücktritt. Doch ein Rücktritt vom Kaufvertrag wird erst im Falle von „erheblichen Mängeln“ möglich. Die Voraussetzung ist hier erfüllt, wenn die Kosten der Nachrüstung rund fünf Prozent des Kaufpreises ausmachen. Weitere Entscheidungen und Reaktionen des Konzerns selbst bleiben vorerst abzuwarten.

Ein weiterer Fall der Betrugssoftware

Auch wenn Porsche die Sachlage kurz, transparent und kundenorientiert zu lösen scheint, zeichnet der Sportwagenhersteller ein geschöntes Bild der Sachlage. Denn bei etwaigen Unregelmäßigkeiten handelt es sich auf „gut deutsch“ um die populäre Abgasbetrugssoftware, die erstmals durch VWs „Dieselgate“ zu trauriger Berühmtheit gelangte. Zudem reagierte man hier durchaus nicht freiwillig, war doch ein Verbot des Modells durch Bundesverkehrsminister Dobrindt der Rückrufaktion vorangegangen. Der ADAC machte außerdem sogleich deutlich, dass es einen Fall mit derartigem Ausmaß in den letzten Jahrzehnten in Deutschland noch nicht gegeben habe.

(Bildmaterial: ©Dr. Ing. h.c. F. Porsche AG)


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