Der VW Scirocco wird eingestellt: Ein Nachruf

VW streicht das letzte wirklich interessante Modell aus seinem Portfolio. Den Scirocco gibt es bald nur noch als Gebrauchtwagen
Ganz schön schön: Der Scirocco.
Polo mit Attitüde: Der VW Scirocco. Volkswagen.
jonas
Einleitung von Jonas Futschik, Redakteur bei PKW.de 20.10.2017

Neben dem Golf und dem Polo gab es noch einen dritten Bruder in der Riege der Kleinwagen von VW. In der Schule wäre der Golf der Klassenbeste und der Polo der Spaßmacher gewesen. Den Scirocco hingegen hätte man in den Pausen beim Rauchen auf dem Schulhof erwischt. Gerade wegen seines Images als Schmalspurrebell war der kleine „hot hatch“ bei den Käufern beliebt, die das Tempolimit auf Landstraßen eher locker auslegen und auch bei der Fahrt ins Büro gerne ein wenig Spaß haben. Jetzt wird der Scirocco nach Dieselgate und der Bemühung um die Elektromobilität eingestellt. Ein Nachruf.

Der Anfang als Versuchskaninchen

Der erste Scirocco entstand als fixe Idee von Giorgio Giugiaro, der in den Siebzigerjahren an der Entwicklung des ersten Golfs beteiligt war. Ein sportliches Coupé auf Basis des kompakten Bruders hielt man bei VW zunächst allerdings für eine Schnapsidee und beauftragte die Firma Karmann mit der Entwicklung eines Prototypen auf eigene Kosten. Das Ergebnis trug die Bezeichnung EA 398 und erreichte 1974 unter der Bezeichnung Scirocco I Marktreife. Der, für damalige Verhältnisse, wirklich spritzige Kleinwagen war aber mehr als nur ein weiteres Auto, er sollte auch den Weg für den durchschlagenden Erfolg des Golfs ebnen: Beide Autos teilen sich eine Basis. Der Scirocco erschien einige Monate vor dem Golf und ermöglichte es den Ingenieuren in Wolfsburg, diverse Kinderkrankheiten der neuen Plattform zu kurieren, bevor man den großen Hoffnungsträger auf den Markt brachte.

Auch als Rallyauto war der Scirocco beliebt. Rodrigo Garrido / Shutterstock.com
Auch als Rallyauto war der Scirocco beliebt. Rodrigo Garrido / Shutterstock.com

Schnelle Entwicklung, schnelles Ende

Tatsächlich sollte der Scirocco schneller weiterentwickelt werden als das Modell, aus dem er abgeleitet war. Nur vier Jahre nach der Markteinführung erblickte die zweite Generation das Licht der Welt. Kantig wie eh und je, aber mit verbesserter Aerodynamik und stärkeren Motoren ist dieses Modell heute ein beliebtes Sammlerstück. Allerdings wird die zweite Modellreihe immer seltener und gut erhaltene Exemplare immer teurer. Mit dem Ende des VW Corrado, der als Nachfolger des Scirocco gilt, war es vorläufig vorbei mit VWs rebellischer Ader. Zwischen 1995 und 2008 gab es kein Auto aus Wolfsburg, das dem GTI das Super reichen konnte.

Frühere Sciroccos sind mittlerweile begehrte Klassiker. Divin Serhiy / Shutterstock.com
Frühere Sciroccos sind mittlerweile begehrte Klassiker. Divin Serhiy / Shutterstock.com

Die Auferstehung

Erste Anzeichen für eine Rückkehr des VW, der nie so richtig in die Modellpalette passen wollte, gab es bereits 2006 mit dem VW Iroc. In der Konzeptstudie steckten bereits viele der Designideen, die später auch die Gestaltung des neuen Scirocco III dominieren sollten. Tatsächlich war die Neuauflage zwar ein Liebling der Kritiker, verkaufte sich aber nur schleppend. Wer einen schnellen VW wollte, kaufte etwas mit dem Zusatz „GTI“. Wer etwas Exotisches wollte, schlug sich freiwillig mit den Problemen eines Alfa Romeo oder [Lotus]/https://www.pkw.de/autokatalog/lotus) herum. Die einzigen Käufer des Kompaktsportlers waren jene, die seinen Urahn aus den Siebzigerjahren kannten. Der Nostalgiefaktor schien den Scirocco gerettet zu haben.

Der GTS war eine der heißeren Versionen des Scirocco. Volkswagen.
Der GTS war eine der heißeren Versionen des Scirocco. Volkswagen.

Der VW Scirocco fällt dem Sparkurs zum Opfer

Wäre da nicht die monumentale Dummheit der Volkswagen-Manager. Nach den Enthüllungen, die zum Dieselgate-Skandal werden sollten, musste man sich bemühen, das Saubermann-Image des Konzerns zu retten. Ein Auto, das Spaß machte und anders war, passte da einfach nicht ins Konzept. Stattdessen startete man einen Versuch, mit Elektroautos das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Neben dem Phaeton und dem Eos sollte es auch den Scirocco treffen. Ein Nachfolger für den kleinen Rebell ist momentan nicht geplant. Gebrauchte Sciroccos könnten in den nächsten Jahren stark an Wert gewinnen. Und so verabschieden sich Fans von einem der letzten interessanten Modelle im Portfolio von Deutschlands größtem Autobauer. Auf Wiedersehen, Scirocco. Vielleicht sieht man sich ja doch mal wieder.


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